Nomination for amarena 2016

– Official nomination and review of the amarena 2016 jury –

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Eine fast leere Bühne, ein Piano-Spieler a la Stummfilm, ein abrupt ins Publikum starrendes Frauengesicht: so beginnt „Die (Selbst)Natürlichen“ nach Diderot. Im sehr konsequenten comedia dell’arte – Stil erscheinen nacheinander die Figuren, demonstrieren ihre Not, ihre Wut, ihr Mißtrauen. Lawinenartig entwickelt sich ein Spiel um ersehnte und verschmähte Liebe, Berechnung, Rivalität und Intrigen, bis zum Mord, offenbart sich in ihrer Äußerlichkeit die innere Leere und Einsamkeit der Figuren.
Zwischen den kämpfenden Paaren pendelt, springt wie ein Ball, der Spieler, der alle Diener ist und zunehmend das gebrechliche Alter bildhaft erscheinen läßt. Die Bühne füllt sich mit einem Seilgitterwerk, Symbol der Fallstricke, die der wachsenden Aggressivität der Kämpfe immanent sind, bis schließlich alle heillos ineinander verknotet sind.
„Das innere Wesen – welch ein Monster!“ – resümiert der Autor und preist das Chaos als einzigen Ausweg. Den Epilog tanzen vorgebundene Alten-Puppen, klappernd, mit starren Mienen. Das „Alter“ (Tod?) kreuzt mit pantomimischer Gehhilfe die Spielfläche, vorm Verschwinden noch böse ins Publikum kichernd.
Sehr beeindruckend ist das konsequente, nicht nachlassende Körperspiel, mit vielen pantomimischen Elementen. Die Life-Piano-Begleitung zur Untermalung der Handlung wird von den Spielern z.T. mit Gesang und Instrumenten unterstützt. Das sehr auf das Publikum gerichtete Spiel (im Gegensatz zu Diderots Absicht) erhöht die Groteske, schafft am Ende Raum für die Philosophie, unser Einbezogen-werden. Sind wir wirklich anders?
„Wer im Glashaus sitzt, läuft Gefahr, gesehen zu werden!“
Eine beispielhafte Inszenierung, die zeigt, wie mit konsequentem Handwerk große Wirkung zu erzielen ist ohne im technischen Aufwand zu ersticken. Ein exzellentes Spieler-Theater!

Überschrift: „LANG LEBE DER TOD UND DIE GLEICHHEIT!“

Verfasser: Ulrich Schwarz