Handwerk
Doch klug, wenn er vernünftig sagt,
Was der Vernünftige närrisch tut.
Doch wahrhaft weise ist der Clown,
Der den Narren spielen kann.
Und das gut zu tun, bedarfs allerhand Verstand:
Er braucht Aug und Ohr am Publikum
Muss Stimmung, Stand und Reaktion
Genau durchschaun; und wenn er seine Späße macht
Den rechten Zeitpunkt nicht verfehln. Das ist ein Handwerk,
Im Aufwand nicht geringer als die Kunst des Weisen, denn:
Die Narrheit, die er weise zeigt, ist ehrlich.
Doch Weise, die sich närrisch zeigen, sind gefährlich.
spiel' ich gern!«
Spielen bei
Compania Sincara
Theater, wie wir es einbringen, lässt offen spielerische (wir sagen: comödiantische) Verhältnisse wieder aufleben. Phantastische Figuren – wir nennen sie Clowns – spielen mit den Dingen; mit Stoffen und Entwürfen menschlichen Zusammenlebens in Form von Rollen oder Szenen – zu finden in den schönsten Theaterstücken von Shakespeare über Molière und Gozzi bis Beckett und Brecht –, mit Situationen aus unserer Lebenswirklichkeit, mit großen und kleinen Konflikten, Widersprüchen und Streitthemen der Gegenwart; sie spielen mit sich und mit dem Publikum, aber eben auch mit Seilen, Tüchern, Nasen, Brettern, Instrumenten und vielem mehr; sie spielen mit Sprache und Sprechen, Tänzen und Sprüngen, Liedern und Tönen, mit Gedanken und mit Schweigen – mit allem, was die Wirklichkeit hergibt und woran das Leben nie satt wird. Unsere Maskenclowns gehen mit allem um, was wirkt und wirklich ist. Sie jonglieren mit Fragen und Absurditäten und werfen nicht etwa mit Antworten, Lösungen oder Vorsätzen wie mit scharfen Messern. Wir versuchen, die bürgerlichen Konventionen im Theater zu durchbrechen, die seit Jahrhunderten und bis heute in ihren diversen Erscheinungsformen die aktuellen Erzählweisen und Moden bestimmen und die darauf beruhen, ihre eigene Wichtigkeit (das Was) zu betonen – egal ob dramatische oder postdramatische (oder ganz neu: posthumane), illusorische oder immersive. Will man unser Theater in Worte fassen, kann man vielleicht sagen, bei uns trifft episches Theater nach Brecht auf sinnliches Maskenspiel à la Théâtre du Soleil, politisches Gegenwartstheater auf anarchistische Clowns, physical theatre auf Theatertradition. Wir tanzen im Schatten von Theatermacher:innen wie Vsevolod E. Meyerhold, Benno Besson, Dario Fo oder Ariane Mnouchkine (u. a.). Ihnen wie uns geht es um die lebendige Tradition vor der Moderne. Gerda Baumbach schreibt dazu: »Dies ist zu betonen, da in jüngerer Zeit aus ablehnender Haltung und dem alleinig politisch korrekten Fixieren auf die Gegenwart gern Tradition und Konvention verwechselt werden.« Spielen, so unser Verständnis, trennt nicht, es vermischt; es identifiziert nicht, es verschwimmt; es klärt nicht auf, es schattiert; es legt nicht fest, es tanzt. Es macht Quatsch – aber nicht nur. Im Zentrum stehen bei uns dabei immer Außenseiter – unsere Clowns und ihr anti-illusorisches ganz reelles Spiel mit der Gegenwart. Sie sind, was unsere Theaterarbeit ausmacht.
Wir wollen Theater machen. Tolles Theater! Wirkliches Theater! Spielen! Das ist freilich immer auch Diskurs, Streit, Austausch. Aber eben nicht nur. Gerade das, was abseits des Alltags liegt, wo die Realität aufhört und die Phantasie beginnt, da wo es spinös wird, da erst wird es interessant! Theater, wie wir es verfolgen, ist keine moralische Anstalt, keine Schule und keine Kirche, die – gewollt oder ungewollt – versucht, die Menschen zu erziehen. Sinnlich und verträumt muss es sein, zugleich blitzscharf und unerbittlich, auch gefährlich und bittersüß, voll von Leben und dem Tode nicht fern; voll von Liedern und Philosophie; voll Absurdität und Hoffnung, Trost und Heidenspaß; eben voll von Widersprüchen. Wir wollen unser Publikum wieder befähigen, zu genießen; nicht nur kritisch zu beäugen oder intellektuell zu bewerten. Leiblich muss es werden: Auf dass man sich die Bäuche hält, es in den Fingern kribbelt, die Füße wild zu tippeln beginnen und der Kopf sich dreht. Wir wollen echtes Theater! Spielen! Und klar wollen wir, dass unser Publikum kritisch denkt und sich Fragen stellt. Aber kritisches Denken ist nicht der alleinige Zweck unseres Theaters. Es ist Teil eines größeren sinnlichen Bedürfnisses, das wir beim Publikum zu erwecken versuchen – ein Theater als Beitrag zur Lebenskunst.
Und lasst die, die euch die Clowns spielen, nie mehr sagen, als für sie geschrieben ist. Denn unter ihnen sind solche, die machen Späße allein nur, um das Publikum zu verführen, obwohl inzwischen längst eine wichtige Frage des Stücks zu bedenken wäre.
Hamlet
Und lasst die, die euch die Clowns spielen, nie mehr sagen, als für sie geschrieben ist. Denn unter ihnen sind solche, die machen Späße allein nur, um das Publikum zu verführen, obwohl inzwischen längst eine wichtige Frage des Stücks zu bedenken wäre.
Hamlet
– Folgt in Kürze –
noch was!«
– Musik bei
Compania Sincara
Die Insel ist voll von Geräuschen, Tönen, süßen Liedern, die Genuss bringen und nicht wehtun. Und manchmal zwitschern tausend Instrumente Mir summend in mein Ohr.
Caliban in »Der Sturm«
Über die Jahre hatten wir das Glück, mit einer Vielzahl großartiger Instrumentalist:innen und Theatermusiker:innen zusammenzuarbeiten und gemeinsam unser Spiel zum Klingen zu bringen. Bei uns ist Musik immer live, echt, reell, unmittelbar im Moment produziert — nichts kommt vom Band. Musik ist nicht nur der passende Song oder die stimmige Begleitung – sie ist Atmosphäre und Erzählerin zugleich. Sie kann eröffnen oder verdichten, stören oder tragen. Musizieren ist ein Menschheitsvermächtnis, Teil unseres kulturellen Seins — nicht nur zivilisatorische Errungenschaft, sondern eine existenzielle, sinnliche Praxis, die uns auch mit Aspekten der Natur verbindet, die uns im Alltag mehr und mehr verloren gehen.
Wir verstecken unsere Musiker:innen nicht in Gräben. Bei uns sind sie mit auf der Bühne, mit all ihren Instrumenten und Klangkörpern, als Spielpartner:innen der Clowns und gut sichtbar für das Publikum. Es kann sie beim Kreieren von Melodien und Tönen beobachten und staunen, wie aus bekannten und unbekannten Instrumenten oder einfachsten Gegenständen schallende Welten entstehen. Bei uns ist Musik nicht nur etwas fürs Ohr, sondern immer auch etwas fürs Auge – und eben auch ein Handwerk.
Das breite musikalische Spektrum bewegt sich dabei zwischen Opernarie, Volkslied und Brechtsong, zwischen ›Klassikern‹ und Ausflügen in experimentellen Pop, grobe Straßenklänge treffen auf feine Harmonien, chorische Elemente verbinden sich mit traditionellen und klassischen Instrumenten: Piano, Mandoline, Geige, Blockflöte, Trompete oder Waldhorn treffen auf singende Säge, Schelle, Pauke, Kalimba und Quetschkommode – verschiedene Klangwelten, die miteinander kommunizieren.
Und wenn wir etwas lieben, dann ist es, Lieder zu singen – etwas, das in unserer heutigen Zeit immer kürzer kommt. Mittlerweile haben unsere Clowns ein beachtliches Repertoire an Liedern im Gepäck – ein buntfleckiges musikalisches Sammelsurium an Gassenhauern, Chansons, Schlagern und Ohrwürmern, die sie leidenschaftlich wie kritisch zum Besten geben: Volkslieder wie »Soldatenhimmel« oder »Behüt’ dich Gott, es wär so schön gewesen«, Songs von Brecht, Weil, Dessau und Eisler wie die »Kinderhymne«, das »Lied vom Rauch« oder »Die Ballade von den Seeräubern«, so manche Opernarie wie Puccinis »Nessun dorma« oder Donizettis »Una furtiva lagrima« und aber auch eigene Songs wie etwa das »Lied von der Endlichkeit der Melancholie und vom Essen«. Sie verabschieden sich singend vom schönen Wald, erzählen vom Jungsein und vom Altsein, von großer Sehnsucht und großem Hunger und schmettern so mancherlei Kanon oder das ein oder andere Liebeslied — »Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König.«
Und da diese nicht immer nur lustig und beschwingt, verträumt und lieblich sind, sondern durchaus auch frech und hintersinnig, gar bitterbös bis hochpolitisch, weht mit jedem geliebten Lied mitunter auch ein zugiger Wind durch den Saal.
Unsere Musiker:innen
Lieder aus unseren Stücken
Die Insel ist voll von Geräuschen, Tönen, süßen Liedern, die Genuss bringen und nicht wehtun. Und manchmal zwitschern tausend Instrumente Mir summend in mein Ohr.
Caliban in »Der Sturm«
bei Compania Sincara
Viele Stücke etwa von Shakespeare, Molière, Gozzi, Beckett, Aristophanes und Brecht sind keine rein dramatischen Theatertexte, sondern epische, die entsprechend ihrer Spielbedingungen so geschrieben sind, dass sie in unmittelbarem Austausch mit dem Publikum gespielt werden müssen – eben erzählerisch, in einem zum Erzählten, zum Erzähler und zu jenen, denen erzählt wird, eingehenden Verhältnis. Im Gegensatz zum realitätsnachahmenden Theater, das ausschließlich auf dramatischen Texten fußt (und den Erzähler ignoriert), aber auch zum postdramatischen oder performativen Theater, ist bei diesen Stücken daher eine Spielweise erforderlich, die diesen Kontakt und dieses Verhältnis einzulösen vermag. Indem unsere Figuren sozusagen als Partner des Publikums agieren und die rasch wechselnden Spielebenen ganz offen nachvollziehbar machen, wird dem Stoff und den komplexen Themen, die darin verhandelt werden, ein erleichterter und zeitgemäßer Zugang ermöglicht. Erzählen ist konkret und nicht in Zeichensystemen codiert. Dem kommt entgegen, dass der spielerische Kontakt dem Publikum großes Vergnügen bereitet. Das ist nach unserer Überzeugung ein echter, zeitloser und zugleich höchst zeitgemäßer, nämlich reeller Umgang mit Theaterstücken und -texten und wir sind die Zeitgenossen, die das machen! Wir spielen, um hier Brechts Wort zu bedienen, Stücke von Shakespeare, Gozzi & Co. nicht so, »wie sie schon hundertsiebzigmal gespielt wurden«. Vor allem spielen wir sie nicht so, wie sie 1850 gespielt wurden oder 1950 oder auch noch 2020. Nein, wir spielen mit den Stücken; wir spielen comödiantisch und episch insbesondere mit dramatischen Texten. Wir machen keine x-beliebigen ›Klassiker‹-Interpretationen. Wir wollen die alten Werke (zumindest die, bei denen es sich lohnt) nicht allein den bürgerlichen Lesarten und Spielformen überlassen, wie sie an Stadttheatern zuhauf zu sehen sind. Wir wollen sie für ein breites Publikum zurückerobern, um sie wieder zu einem beweglichen Element der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu machen, ohne dabei längst überkommene Perspektiven und Verhältnisse zu reproduzieren.
Hinzu kommt, dass die Übersetzungen den besonderen Anforderungen unserer Spielweise mit Maskenfiguren gerecht werden müssen. Viele Bühnen-Übersetzungen bedienen eher Spielarten des Sprechtheaters – mit großen, gleichförmigen Textflächen oder einer zu sehr auf Lyrik setzenden Form. Ein sinnlicher Umgang damit ist schwer. Die Maskenfiguren und Clowns der Compania Sincara stellen das Stück nicht eins zu eins dar, sondern spielen damit. Sie können aus Szenen oder Rollen herausspringen, kommentieren, Liedchen singen, tanzen, ganz ernst werden (etc.) und wieder reinspringen. Sie machen Spiele über die Gegenwart auf dem Tanzboden des jeweiligen Stücks. Dazu müssen die Szenen und Dialoge sachlich, allgemeingültig und vor allem sinnlich übersetzt werden, damit ihre Aktualität aufblitzen kann.
Die Form unserer Szenarien leitet sich dabei aus der Tradition und der konkreten Funktion ab. Wie auch schon im 16. Jahrhundert werden kritische, relevante Passagen oder Dialoge nicht schriftlich festgehalten und verbleiben in der Improvisation und dem Spiel. Die Schauspieler:innen müssen ihr gesprochenes Wort selbst erfinden und dann auch eigenständig präsent halten. Was gesprochen wird, ist nur in indirekter Rede notiert – flexibel für Änderungen und Anpassungen. Ein Szenarium gibt die Abfolge der Szenen, Figurenkonstellationen, Lieder etc., Situationen und Vorgänge, Gestus und Interaktionen vor – in möglichst grobem Rahmen unter Berücksichtigung der Marotten der Figuren; sprich die grundlegenden Spielpfeiler. In der knappen Form, die vieles offen lässt, wird die Phantasie des Lesers anregt. Insbesondere schauspielerische Bravourstücke – in der italienischen Tradition der Commedia als ›lazzi‹ bezeichnet, bei Brecht als ›Kisten‹ und bei uns als ›Nummern‹ – werden nicht durch sprachliche Festlegung ins Zentrum gestellt, sondern indem wir sie offenlassen: »Waldemar & Kerbel machen ihre Cuccagna-Nummer.« Wissen, was sich dahinter verbirgt, können nur die Schauspieler:innen, die es machen. Wer nur liest, ist auf die eigene Vorstellungskraft zurückgeworfen. Der durchaus ökonomische Informationsgehalt genügt, dass die Spieler:innen erfahren, was sie wissen müssen. Die Arbeit mit einem Szenarium ist somit auch ein Mittel, die Souveränität der Akteur:innen zu stärken und hervorzuheben. Sie sind die Könige im Königreich Theater und nicht einem Text, einem Autor oder einem Regisseur Untertan. (Vgl. Hulfeld, Stefan (2014): Scenari più scelti d'istrioni. Band 1. Göttingen: V&R unipress.
– Folgt in Kürze –
– Folgt in Kürze –
weise ist der Clown!«
– Maskenspiel mit
Compania Sincara
conta
Eine daraus abgeleitete Schauspielkunst mit Masken hat eine andere Funktion, entfaltet andere Formen von Intelligenz und Sensibilität und zeigt vom Menschen Aspekte, die in der langen bürgerlichen Entwicklung des Theaters ohne Masken weggefallen sind, ja, beiseite gelassen wurden. Dafür verlangt sie von ihren Akteur:innen auch andere Mittel – eine Vielseitigkeit von Ausdrucksmitteln, die als erstes ein anderes Verhältnis zum Körper und zum Publikum voraussetzen.
Wir widmen uns in unserer Theaterarbeit der Revitalisierung des traditionellen Theatermittels ›Maske‹ sowie der Rehabilitierung von traditionellen Theaterfiguren (Clowns). Diese trickreichen, schrägen Vögel – Nachfahren der mythischen Figuren alter Zeiten –, liebevoll und anarchistisch zugleich, setzen sich über (fast) alles hinweg, um sich ein gutes Verhältnis zum Publikum zu verschaffen. Sie sind Reisende, die durch unsere Welt stolpern, Randerscheinungen, Außenseiter der Realität, die einmal naiv, einmal gewitzt jenseits bürgerlicher Sittlichkeit mit den Dingen der Welt spielen.
In unseren Workshops geben wir Einblicke in die besonderen Anforderungen und Naturgesetze der Spielweise mit Maskenfiguren. Was passiert, wenn eine Akteur:in ›hinter einer Maske‹ verschwindet? Verschwindet sie wirklich? Und wer taucht stattdessen auf? Oder passiert bei einer Verwandlung gar etwas Doppeltes?
Locker und verspielt versuchen wir uns mittels schauspielerischer Übungen mit und ohne Gesichtsmasken, an die Handwerkzeuge eines offenen, rhythmischen, musikalischen Erzählens heranzutasten und uns so den Kräften dieses uralten Theatermittels anzunähern. Im Anlernen entsprechender Techniken probieren wir mit unseren Teilnehmer:innen auch das elementare Spielverhältnis, im direkten Austausch mit dem Publikum zu agieren.
conta